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ABLAUF

überfetz das mal roh ins Dreikorn Idiom, mein alter Kalahari
(Oskar Pastior)

Das Projekt Poesie der Nachbarn hat es sich zur Aufgabe gemacht, die deutsche Leserschaft mit der europäischen Lyrik vertraut zu machen und gleichzeitig den Prozess der Übersetzung von Poesie vom Schreibtisch des Einzelnen in die freundschaftliche Öffentlichkeit einer Werkstatt zu transponieren – und sei es nur für die Zeit einer knappen Woche im pfälzischen Edenkoben. 

Die Aufspaltung der Tätigkeit des Übersetzens in einzelne Schritte macht Gruppenarbeit notwendig und sinnvoll. Die Arbeit am Gedicht und seinen verschiedenen Versionen bringt die Menschen zueinander und ermöglicht ein gegenseitiges Lernen und Verstehen. 

Die Werkstatt beginnt an einem Dienstag mit dem Eintreffen der deutschsprachigen Dichterinnen und Dichter und der Philologin bzw. des Philologen. In ersten Gesprächen werden organisatorische Fragen erörtert: Jeder soll mindestens zwei Gedichte von jedem Gast übersetzen. Man spricht über die Interlinearversionen, Vorlieben werden diskutiert, erste Lösungen vorgeschlagen. In eine ausgelegte Liste trägt jeder ein, welche Gedichte er übersetzen möchte. 

Der Mittwoch steht im Zeichen intensiver Arbeit: Die ersten Gedichte werden übersetzt, vor allem aber Listen erstellt mit den vielen Fragen, die man den Autorinnen und Autoren stellen möchte. 
Am späten Nachmittag treffen die Gastdichterinnen und -dichter ein. Man stellt sich einander vor, der Leiter trägt sein Begrüßungsgedicht vor, aus Fragmenten der Interlinearversionen hat er es komponiert. Nach dem Begrüßungsessen improvisieren die Gäste eine erste Lesung.

Die folgenden Tage vergehen in einem lockeren Wechsel aus Arbeitsgespräch, Essen und Rahmenprogramm. Besichtigungen, Weinprobe, Spaziergänge in den Weinbergen der Umgebung sollen die Gäste mit der Region vertraut machen. Es gibt zahlreiche Sitzgruppen im Garten und im Gebäude, die einen steten Wechsel der Arbeitskreise ermöglichen. Der Philologe erläutert und übersetzt, er bereitet sich aber auch auf seine Moderation vor, in der er am Abschlusstag durch die Lesung führen soll.

Am Samstagvormittag werden die für die Lesung bestimmten Gedichte fertiggestellt. Der Leiter zieht sich zurück, um ein Programm zu erstellen, das die einzelnen Gäste in den wesentlichen Zügen ihrer poetischen Arbeit vorstellt und auch die Originalität der übersetzenden Dichterinnen und Dichter spürbar werden lässt. 

Die öffentliche Abschlusslesung am Sonntag mit musikalischer Umrahmung ist auch eine Generalprobe für die Anthologie. Der Leiter macht sich mit den Neigungen der Übersetzer vertraut, er weiß bald, welche Schwerpunkte er in der Anthologie setzen muss. Die Anthologie wird ein erstes Mal auf der Leipziger Buchmesse im darauffolgenden Jahr vorgestellt, eine Lesereise zu einigen Literaturhäusern im Herbst macht sie einem größeren Publikum bekannt. 

Die Anthologie Poesie der Nachbarn umfasst bereits 28 Bände und zwei Sonderbände. Weitere Informationen unter Publikationen.